CIAO WEISS-BLAU : BALLKÖNIGIN

Die Urlauber am italienischen Teutonengrill haben einst nicht nur Sonnenbrand, Spaghetti und Rotwein über den Brenner nach Norden gebracht, sondern auch „Ciao". Dieses eingedeutschte „Tschau" verwendet der Bayer seither als polyglotte Abschiedsformel. Und auch „Ciao Weiß-Blau“ sagen folgerichtig „Ciao“ - zum artifiziellen Postkarten-Bayern, zu marktkonformer Mia-san-Mia-Mentalität, aber auch zu musikalischen Schlagbäumen. Auf ihrem neuen Album „Ballkönigin“ loten die Musikkabarettisten ein opulentes Spektrum aus: von Renaissance bis Rap, zwischen Orient und Okzident, Volks- und Folkmusik. Pointiert und mit mal hochdeutscher, mal bairisch-charmanter Wortgewalt untermauern sie ihren Status als weiß-blaue Wadlbeißer. Das gilt auch besonders für die Bühne, wovon man sich bei den drei Live-Aufnahmen auf der CD überzeugen kann: hier paart sich hohe Musikalität mit den besten Merkmalen des Kabarett: Spontanität, Schlagfertigkeit und Witz.

Mit spielerischer Leichtigkeit überschreitet das Trio stilistische Grenzen und schlüpft in verschiedenste musikalische Identitäten. Gitarrist Wolfgang Hierl brilliert mit klassische Einlagen („Rätselheft“) ebenso mühelos wie mit seinen Höchstgeschwindigkeits-Blues-Licks („Wos soi des“). Beeindruckend sind die unterschiedlichen Klangwelten, die das Trio mit nur drei Instrumenten und der Loop-Station erschafft. Besonders deutlich wird die Vielfältigkeit, wenn der Pop-Song „Groupie“ mit Latin-Feeling und vituosen Gitarrensoli im nächsten Augenblick zum orientalischen „Scheich“ wird. Denn hier mutiert die Elektrogitarre zur arabischen Laute, besser bekannt als Oud.

Die drei Akteure kennen sich seit ihrer Jugend, wandelten jedoch lange Zeit auf getrennten Pfaden.
Tobias Öller blieb indessen musikalischer Autodidakt mit ausgeprägter Affinität zum Theater. Als nimmermüder Songwriter war er Mastermind und Sänger in verschiedenen Punk-Bands, schrieb Musicals, eroberte schließlich mit bilderreicher Wortgewalt die Kleinkunst-Bühnen. Mittlerweile zählt er zur schöpferischen Avantgarde, tritt als Autor, Komponist und Schauspieler in Erscheinung. Ausgezeichnet wurde sein unermüdliches Schaffen unter anderem mit dem Niederbayerischen Kabarettpreis und dem Franz-Ringseis-Kulturpreis.

Die Waldfest-Schickeria („Fensterlkönig“), Esoterik-Unternehmer („Ashram“) und bigotte Kleinbürger („Der Scheich“) bekommen ihr Fett weg und wen wundert es da, dass die Süddeutsche Zeitung das Trio als "Nestbeschmutzer in der Tradition von Gerhard Polt und der Biermösl Blosn“ bezeichnete. Mehr Kompliment geht kaum!

VÖ: 
Freitag, Oktober 21, 2016 - 12:00
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