Jo Strauss: Der blinde Fleck

Jo Strauss mit neuem Album „Der blinde Fleck“

(Linz/Wien/München) Wenn ein Scharfrichterbeil und ein Salzfassl schon zwei renommierte Kunstpreise darstellen, kann deren Preisträger nur ebenso speziell wie außergewöhnlich Musik machen. Dem Kabarettisten und Sänger Jo Strauss gelingt es gleichermaßen zu überraschen und überzeugen: Als humoristischer Philosoph, eleganter Lyriker und Liedermacher mit reibendem Timbre und poppigem Gespür für schöne Klänge.
Am 6. April veröffentlicht Jo Strauss sein neues Album „Der blinde Fleck“ bei Donnerwetter Musik.
Eine Sache scheint offensichtlich an Jo Strauss zu sein. Seine Stimme. Sie drängt sich prägnant in den Vordergrund und lässt erstmal innehalten. Umso überraschender ist das, was der Künstler offenbart, wenn man diesen blinden Fleck überwunden hat. Auf der Bühne wie im Studio liefert Strauss keine halben Sachen. Seine Texte sind geradeaus schön, intelligent und lustig. Ein Wiener wird schnell den Mühlviertler aus dem Kosmopoliten heraushören und seinen Ausführungen zur Vanitas und dem carpe diem zustimmend folgen. Die Popklänge reichen vom Sound einer Stadionhymne über das Duo im Musicalstyle bis hin zum intimen Folksong. Und ein Trinklied. Dass er zwischen seinen Werken zu einem brillanten Kabarettisten wird, wurde oft genug betont. Seiner blinden Flecken scheint sich Jo Strauss sehr bewusst zu sein. Er deckt sie auf oder lässt sie demonstrativ bestehen.
Die tragende Spannkraft des Albums entsteht aus dem Gegensätzlichen, das Jo Strauss bewusst für sich nutzt. Wenn die harte Stimme auf dem weichen Popgewand der Band reibt wird beides sicht- oder besser: hörbarer. Tiefer im Text spielen sich die Antagonismen gegenseitig den Ball zu. Da wird im Hässlichen das Schöne besungen und umgekehrt; da verweist der blinde Fleck auf das größere Bild; da singt Jo Strauss ein ganzes Lied lang nur von einem einzigen Moment.
Jo Strauss besingt Momente und Situationen, die sich so bekannt anfühlen, als hätte man sie selbst erlebt. Und insgeheim wünscht man sich beim Hören, seine eigenen Gedanken so schön formulieren zu können wie diese raue Stimme im Ohr. Aber wozu, wenn der Strauss es doch so viel besser macht?
Damit kümmert sich Jo Strauss um die blinden Flecken seiner Zuhörer. Wo das Publikum aufhört, denkt der studierte Philosoph noch einmal bisschen weiter, wenn auch nicht unbedingt kerzengeradeaus. Der Linzer ist bekannt dafür, auf der Bühne zwischen den Liedern seine Gedanken streifen zu lassen. Die Gefilde, in die uns seine Logik dabei mitnimmt, können nur mit zustimmendem Staunen und einem herzhaften Lacher quittiert werden.
Die Musiker der Band neben Jo Strauss sind allesamt Meister ihres Fachs. Sowohl in concert und besonders auf der Platte ist zu hören, wie genau die Klangfarben auf die Dramaturgie passen. Das Klavier bestimmt den Grundton des Albums, E-Gitarren werden pointiert eingesetzt und das Schlagzeug besticht mit kräftigen tiefen Klängen. Immer wieder dürfen die Instrumente zu einem Crescendo ausbrechen, das den Unterschied zwischen Stadion und Klubbühne zunichte macht. Ein Duett mit Jazzsängerin Ricarda Maria Oberneder gestaltet sich wie der Höhepunkt eines Musicals.
Jo Strauss weiß sich und seine Musik zu inszenieren. Mit kabarettistischem Ernst macht er Musik über Leben und Lieben. Und am Ende ist das Publikum vielleicht sogar ein bisserl gescheiter.

VÖ: 
Freitag, April 6, 2018 (Ganztägig)
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